Werte in heutiger Zeit

Vortrag zum Familientag 2000 in Heppenheim

Die Abwandlung dieser Überschrift könnte heißen: Heute nehmen wir uns mal Zeit, über die Werte zu reden. Das ist ein ganz farbenfrohes, abwechslungsreiches, schier unendliches, aber sehr lohnendes Thema. Die Wechselbäder, die man bildlich bei der Vorbereitung durchlebt, haben so lange angedauert, wie es nicht gelang, jemanden für dieses Referat zu finden.

Vorweg möchte ich den sehr umfassenden Begriff Werte für unseren Zeitrahmen eingrenzen: Es soll um einige wünschenswerte „Spielregeln“ gehen, die im Zusammenleben unserer Familien angenommen und verinnerlicht werden können. Die Werte sollen den Menschen allgemeine, grundlegende Orientierungsmaßstäbe und damit Verhaltenssicherheit geben. Aus ihnen leiten sich Normen und Rollen ab, die das Alltagshandeln bestimmen. Das daraus entstandene Wertesystem ist in modernen Gesellschaften wie der unseren stark differenziert durch die Ausprägung von Subkulturen und schicht- bzw. klassenspezifische Wertemustern. Soweit ein sinngemäßer Auszug aus „Meyers Großes Taschenlexikon“.

Unter erwachsenen Leuten erübrigt sich das Behandeln der Begriffe wie Ehre, Wahrheit, Vernunft, Moral, Gewissen, Selbstbeherrschung, Liebe, Treue usw.; ich gehe davon aus, dass in unseren Familien die Bedeutung dieser Grundwerte geläufig ist. Allgemein können wir feststellen, dass das Leben nach diesen Werten früher anders, vielmehr strenger gehandhabt wurde. Jede Generation kann heutzutage einen ständigen Wandel der Auffassungen erleben. Die dadurch notwendige Anpassung ist, in der Abwägung dessen, was notwendig ist und solchem, was unbedingt nicht vollzogen werden sollte, oft recht schwierig.

Damit sind wir im Alltag der Familien! Entscheidungen, wie die Werte für unser Zusammenleben zu praktizieren sind, werden meistens gefühlsmäßig getroffen, so wie man es ja zu Hause erfahren hat. Hierbei geht es nur um die aus dem Elternhaus angenommenen Verhaltensweisen. Also wacht plötzlich der Verstand auf und erinnert sich, dass da etwas war, was absolut keine Zustimmung hatte, aber getan werden musste, weil es verlangt wurde. Schon sind wir bei der „Kinderstube“, die uns alle schon früh geprägt hat. Dort wird dem jungen Menschen vermittelt, was nachahmenswerte Verhaltensweisen sind. Sie werden vorgelebt, sie müssen zum Schutz von Schwächeren verlangt werden, sie sollen dem für ein Kind zunehmend wichtigen Bestehen außerhalb der Familie dienen. Wir könnten die Aufzählung sehr lange fortsetzen.

Ich will die Einflüsse von außen nicht unerwähnt lassen, die durch die Straße, Kindergarten, Schule, Ausbildung und die Medien in die Familien hinein getragen werden. Die Familien haben die Aufgabe, das Negative abzupuffern und das Positive herauszufiltern. Und das alles bei einem ständig vorhandenen Zeitmangel. Der Mangel an Zeit, besser die Bereitschaft, Zeit für jemanden, für etwas aufzubringen, ist ein herausstechendes Indiz für eine ungute Sprachlosigkeit unter uns. Sicher ist das nicht überall so, aber gut wäre es, wenn wir mehr mit einander reden würden. Das ist ein Wert, der unverzichtbar ist! In allen Altersstufen ist das von ganz großer Bedeutung. Das ist Zuwendung zu dem Menschen, der vielleicht darauf wartet, Zuhören, wenn jemand etwas ihm Wichtiges mitteilen möchte, Beraten als Hilfe zur Selbsthilfe, Vertrauen, welches man beim Nächsten erwerben sollte. Modern wird das Kommunikation genannt, deren Möglichkeiten im elektronischen Zeitalter gestiegen sind.

Das Beherzigen der Regel „Was du nicht willst, was man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“ wäre ein großer Gewinn. Vernünftige und gewissenhafte Menschen übernehmen im Geist der Solidarität Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen. Diese Einstellung zu leben erfordert vielfach Mut, sich selbst zurück zu halten und auch Nachteile auf sich nehmen. Wenn ich mir in bestimmten Situationen Hilfe und Unterstützung von anderen wünschen würde, dann müsste ich das umgekehrt auch gewähren. Das fängt z.B. im Haushalt der Familie schon an, wo Hilfsbereitschaft eingeübt und vorgelebt werden sollte, wenn es auch schwer fällt. Also: In der Familie sollten Werte vorgelebt und eingeübt werden.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Gewalt. Die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen ist größer geworden, stellen Pädagogen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fest. Da wird behauptet, Gewalt finde an erster Stelle in der Familie statt, in den Schulen trete sie zu Tage. Es werden Möglichkeiten der Behandlung von Gewalttätigen aufgezeigt. Ein „Anti-Agressivitäts-Training“ ist opferorientiert, das heißt, der Gewalttätige wird schonungslos mit den Folgen seiner Tat für sein Opfer konfrontiert. Er muss die Verantwortung für sein Handeln übernehmen, soll sich zum „Opferanwalt“ emanzipieren und Schutzfunktionen für hilflose und schwache Mitmenschen übernehmen. Das hört sich sehr theoretisch an, ist aber erprobt. – Daneben ist ein „Anti-Diskriminierungstraining entwickelt worden, das Rassismus am eigenen Leib (an der eigenen Seele) erfahrbar macht. Es zeigt auf, dass Rassismus auf pauschalen Vorurteilen basiert, die jeglicher Grundlage entbehren, die, geschickt geschnürt, zum unreflektierten Selbstläufer werden, womöglich (das hatten wir doch schon mal!!) von einer Autoritätsperson für ihre Sache ausgenutzt. Reine Äußerlichkeiten reichen aus, um Schubladen zu öffnen, den Gegenüber oder ganze Bevölkerungsgruppe darin verschwinden zu lassen. Eine x-beliebige Stammtischparole dient als Schubladenbeschriftung. – Weiterhin können Schüler zu Streitschlichtern ausgebildet werden. Ein Soziologe meint, emotionale Intelligenz sei das wichtigste Rüstzeug der Gewaltprävention und das Handwerkzeug zur Streitschlichtung sei erlernbar. Soweit mein Wissen aus dem Täglichen Anzeiger Holzminden vom 12. April 2000.

Ein schier unerschöpfliches Thema der heutigen Zeit ist die sexuelle Gewalt, die hauptsächlich von Männern ausgeht. Völlig unverständlich ist es für mich, wie Männer in dem so sehr sensiblen Bereich der Sexualität solche rücksichtslosen, jede Menschenwürde verachtenden Praktiken anwenden können. Sicher sind viele Gründe wie Verleitung in Gruppen, durch Medien, leider auch in Familien, Alleingelassen sein, krankhafte Veranlagung u.a.m. ausschlaggebend, deren Aufdeckung allerdings den besonderen Mut von Mitmenschen erfordern würde.

„Wir brauchen ein neues Leitbild in der Erziehung“, fordert Bundesfamilien- ministerin Christine Bergmann (SPD). Sie will ein Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung durchsetzen, das schon ab nächstes Jahr verbietet, Kinder zu schlagen, weil geschlagene Kinder später selbst Gewalt anwenden. Konflikte sollen auch ohne Gewalt gelöst werden können. Grundsätzlich sollte man den Kindern mehr Respekt entgegen bringen. Und das könne eben auch heißen, dass man sich bei den Kindern dafür entschuldigt, wenn man seine Nerven einmal nicht im Zaum hatte. Bergmann sagt, die Männer sollen bei der Erziehung stärker in die Pflicht genommen werden Es solle sich allgemein herumsprechen, dass soziale Kompetenz nicht im Managerseminar erworben wird, sondern in der Familie. Es sei allerdings heute ein Umdenken bereits erkennbar.

Die Schriftstellerin Marion Gräfin Dönhoff kritisiert Ich-Bezogenheit und Korruption und sagt: „Es gibt eine größere Befriedigung, als materielle Erfolge bieten können.“ Die äußere Handlungsweise entspricht der inneren Haltung, das gilt für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Die geistige Verfassung ist das Entscheidende! Der Mensch braucht eine metaphysische Beziehung, um zu wissen, was man tut und was man nicht tut – hat er sie nicht, verfällt er seinem Dünkel und meint, er sei allmächtig. Ohne jene Bindung gibt es keine ethische Begrenzung der Freiheit, keine Einsicht in die Notwendigkeit, Verantwortung zu tragen. Auch die Gesellschaft kann nicht ohne einen ethischen Minimalkonsens überleben: Sie braucht Normen, Spielregeln, Traditionen, die das Ganze zusammenhalten. Die aber kann man per Gesetz nicht verordnen! – Ich meine, hier ist sicher auch der Hinweis auf die Zehn Gebote enthalten.

Der CSU-Politiker Alois Glück behauptet im August dieses Jahres, es fehle den Menschen an Werten. Diese müssten vor allem in den Familien vermittelt werden. Deren wichtige Aufgabe bei der Erziehung der Kinder zu mündigen Bürgern sieht er gefährdet durch „grenzenlose“ Liberalisierung, Globalisierung, Mobilität und einen zum Egoismus ausgeweiteten Individualismus. Der bayerische JU-Vorsitzende Markus Söder meint, die deutsche Gesellschaft entwickele sich zu einem „Gebilde, dem klare Leitbilder fehlen“. Gegensteuern könne hier vor allem die Familie. Sie sei es, die die nötige Aufklärung übernehme, Werte vermittle, Rechtsbewusstsein schaffe und Toleranz lehre.

Wenn ich nun noch eine letzte Quelle anzapfe, so wird es vielleicht verwundern, wenn ich die Zeitschrift »Brigitte« herangezogen habe. Der Hinweis kam von meiner Frau, und sie hat mir Heft 9/2000 beschafft. Darin fragt Ursula Lebert unter dem Titel „Die Welt wird immer schlechter . . . Was sind Werte heute noch wert?“, sind wir auf dem Wege zur Verrohung? Man sagt, früher hatten die Menschen noch Sitte und Anstand, und es gab nicht so viele Verbrecher. Stimmt das? Zugegeben: Manche hehren Ziele wie Heldentod und Vaterlandsliebe sind out. Gott sei Dank, sagt die Autorin. Aber, an deren Stelle sind andere Dinge getreten. So ändern sich Zeiten und Traditionen, um manche ist es schade, um andere nicht. Daraus kann man aber nicht schließen, dass wir ohne Werte auskommen. Traditionelle Vorstellungen werden nicht mehr kritiklos hingenommen. Ursula Lebert meint, wir sind privater geworden, ichbezogener, selbstsüchtiger, das stimmt schon. Aber auch eine Familie kann heutzutage nicht existieren, wenn die Mitglieder keinen Weg finden, ehrlich und loyal und gleichberechtigt miteinander umzugehen. Wir sind aufeinander angewiesen, so eng, wie wir in der heutigen Gesellschaft zusammenleben. Wir brauchen uns zum Anlehnen, zum gegenseitigen Helfen, für die Wärme in dieser kalten Welt. An die Stelle der früheren „harten“ Werte sind heute „weichere“ getreten, leisere, gefühlvolle – Gleichberechtigung zum Beispiel.

Machtworte gelten nicht mehr so ohne weiteres. Ordnung und Gehorsam lassen sich nicht befehlen. Autorität muss hinterfragbar sein, transparent, um einen modernen Begriff zu zitieren. Wir wollen nicht nur wissen, wonach wir uns richten sollen, sondern vor allem: warum. Warum Treue, warum Respekt? Alles wird infrage gestellt. Der ganz alte Wertbegriff Treue war ins Wanken gekommen. Wir erleben heute, dass Treue nicht mehr etwas ist, was man einfach wegwerfen kann. Sie ist das Versprechen, der Vorsatz, der Liebesbeweis durch die Einsicht, dass vertrauensvolle Liebe ohne Treue nicht existieren kann. Aber auch die Treue als Wertvorstellung hat sich verändert. Sie gilt nicht mehr automatisch. Sie ist in der Ehe ein Wagnis, ein gemeinsames Ziel, das seinen eigenen Modus finden muss, seinen eigenen Weg. Wenn nun die alten Werte größtenteils nicht mehr gelten, welche neuen Werte gibt es? Da ist z.B. die Feinfühligkeit, die bisher vom Konkurrenzdenken erdrückt wird. Rücksicht. Ehrlich gemeinte Toleranz, die nicht der Einstellung: „Ist mir doch wurscht, was du machst“ entspringt. Offenheit gegenüber Mitmenschen, Ausländern, Randgruppen, Hilflosen. Ein Wir-Gefühl über Begrenzungen hinweg. Wir können anfangen, Zeit als einen Wert für sich zu erkennen. Zeit als das Vergänglichste und Kostbarste, was wir haben. Freundschaft braucht Zeit, Partnerschaft und Familienleben auch.

Veränderungen machen immer Angst, verstärken die Unsicherheit. Ein festes Wertekorsett mag zwicken, aber es ist auch bequem. Wenn aber das Korsett abfällt, ist es nicht leicht, neuen Halt zu finden.

Wenn ich nun auf den Anfang des gerade behandelten Themas „Werte in heutiger Zeit“ zurückkomme, so war es das Buch von Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) „Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral“, das mir den Anstoß gab, unser Wertsystem zur Diskussion zu stellen. Wir sollten mehr darüber reden. Es gibt noch vieles, was ich nicht erwähnt habe wie Zuverlässigkeit, Vernunft, Gewissen, Selbstbeherrschung, Fairness, Freiheit.

Alle Menschen, ob jung oder alt, reagieren auf Lob und Tadel. Mehr Erfolg hat man, wenn man sich beherrscht, möglichst wenig tadelt, dafür aber auch weniger gute Ergebnisse lobt. Die positiver Lebenseinstellung fördert die Bereitschaft zum Mitmachen. Es geht heute nicht mehr, mit einem Hauruck zum Ziel zu kommen. Es geht mit viel mehr Gefühl, sich in den anderen hineinversetzen, seine Empfindungen verstehen wollen. Sensibilität wäre da ein ganz neuer Wert. Darüber kann man sich doch freuen!


Hans-Kaspar v. Minckwitz, Vortrag zum Familientag 2000, Heppenheim

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