100. Geburtstag unserer Seniorin

100. Geburtstag unserer Seniorin

Gedanken zum 100. Geburtstag unserer Seniorin Gabriele v. Minckwitz

Gedanken zum 100. Geburtstag
unserer
Seniorin Gabriele v. Minckwitz, geb. v. Schlebrügge,
geboren am 19. Januar 1906

Die Gesamtfamilie gratuliert ihrer Seniorin von ganzem Herzen zum 100. Geburtstag verbunden mit den aufrichtigen Wünschen für eine befriedigende Gesundheit und besonders reichliche Lebensfreude in aller Zukunft.

Auch als euer Verbandsvorsitzender bleibe ich Sohn dieser meiner geliebten Mutter. Daher seht es mir nach, wenn ich eine sehr persönliche und emotionale Hommage verfasst habe

Gabriele v. Minckwitz im Sommer 2005 (Omi)

Liebe Mutter,

eine bewegte Geschichtsepoche begleitete Deine so bemerkenswerte Lebenszeit von hundert Jahren, in der Du uns als beispielgebende und lange Zeit als alleinerziehende Mutter umsorgt und in jeder Lebenslage gefördert hast. Deine Lebensauffassung lässt sich durch eine bewusste Selbstlosigkeit gepaart mit großer Bescheidenheit, doch immer fest in den Wertvorstellungen von Treue, Nächstenliebe, Anstand, Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit charakterisieren.

Du bist geboren in Berlin und aufgewachsen in Friedrichsfelde, Krs. Ortelsburg, (Ostpreußen). Später in der eigentlichen Jugendheimat Treten (Pommern), gemeinsam mit Deinem Bruder, stand in einem gestrengen Elternhaus ganzheitliche Bildung stets im Vordergrund Eurer Jugend.

Ganzheitliche Bildung bedeutete seiner Zeit, Wissen mit menschlicher Ausformung zu einer lebensgefestigten Persönlichkeit anzustreben.

Den hohen Ansprüchen der Eltern galt es, im Privatunterricht, Lyzeum in Stolp, später in einem höheren Töchterheim in Eberwalde und den Prüfungen vor öffentlichen Gremien zu genügen. Wie gründlich diese Schulausbildung war, erlebten wir als Deine Kinder hautnah, aber auch Deine Enkelkinder fanden in Dir stets eine fundierte Lernunterstützung. Dies ist besonders bemerkenswert im Lichte der vielen Experimente im Bildungswesen nach dem II. Weltkrieg.

Durch Deine herausragende hauswirtschaftliche Ausbildung im Lettehaus in Berlin wurdest Du für eine große Lebensaufgabe als Kinderpflegerin sowie zur Gründung einer eigenen Familie vorbereitet. Kaum abgeschlossen erblickte Dich unser Vater, der als Forstassessor dem Forstamt Treten zugeteilt war. Er sah Dich und kannte Dich nur als eine scheue aber sehr anziehende Frau, die über Gartenbeete flüchtende Tochter seines Chefs und Leiters des Forstamts Treten. Wenige Monate später hielt er um Deine Hand an, und es begann für euch wohl eine auf großem Vertrauen und liebevoller Zuwendung gegründete glückliche Ehe.

Getreu folgend, gründetet ihr gemeinsam euren ersten, eigenen Hausstand in der Oberförsterei Wanfried, Papas erste Stelle als junger Forstmann. Aufgrund der uns allen noch erinnerlichen besonderen gegenseitigen Zuneigung konnte es nicht ausbleiben, dass sich ein großer Kindersegen einstellte. Glücklich und gesund wurden dort Deine ersten drei Kinder Hans-Kaspar (1927), Gabriele (1928) und Nikolaus (1929) geboren. Denen sollten in der nächsten Forstamtsstelle in Massin weitere drei folgen, Rembert (1935) und die Zwillinge Horst & Jörg (1938). Mit Deinem Einfühlungsvermögen und Organisationstalent hast Du neben den Verpflichtungen an der Seite Deines Mannes als Forstamtsleiter uns alle mit viel Liebe und Zuwendung beschützend erzogen. Bis dann bereits im Kriege als Nachzügler unsere Schwester Ute (1943) in Gumbinnen folgte. Uns allen ist erst später bewusst geworden, wie Deine Art der Begleitung neben all den Sorgen uns zu sehr lebensfertigen Menschen geformt hat. Deine beispielhafte Haltung ist wohl der Urquell unserer tiefen Verbundenheit in Dankbarkeit mit Dir.

Vielleicht ist Dir die Entwicklung Deiner Kinder bis zum heutigen Tage ein besonderer Lohn und sichtbare Anerkennung Deiner Lebensleistung. Dies wiegt umso gewichtiger, da Du diese schwere Aufgabe während und nach dem II. Weltkrieg ohne Unterstützung Deines geliebten Mannes, unseres Vaters, bewältigen musstest.

Naturgemäß wäre über die zeitgeschichtliche Veränderung in Deiner Betroffenheit während des letzten Jahrhunderts, wie I. Weltkrieg, Wirren danach mit Ende der Kaiserzeit, Weimarer Republik und Inflation, zu berichten. Die unrühmliche Periode des 3. Reiches mit all den Konsequenzen war für Dich und Deine Familie am Ende in eine völlig ungewisse Zukunft mit Flucht und Nachkriegsproblemen. Dann der Neuanfang in Schleswig-Holstein, völlig auf Dich gestellt, das Herumschlagen mit den Schulen, die Ausbildungsstätten Deiner Kinder finden, die Entlassung der Ältesten in die Berufswelt. Der Umzug nach Darmstadt und der Kauf des Reihenhauses bestimmte Deinen heutigen Lebensmittelpunkt.

Mit Würde und Haltung hast Du alle auf Deinem Lebensweg erlittenen, schmerzhaften Schicksalsschläge getragen und blicktest stets in großer Disziplin nach vorne.

Neben all diesen Widrigkeiten konnte man zu jeder Zeit mit Dir das Zeitgeschehen kritisch und offen diskutieren. Deine Aktualität und Sachkenntnis waren immer wieder verblüffend und begeisternd zugleich!

Festzuhalten gilt, dass Du jede Phase dieser Zeitabschnitte in bestechender Weise und mit unermüdlichem Einsatz gemeistert hast. Dies bedingt unser aller Anerkennung und Bewunderung in immerwährender Dankbarkeit.

Geliebte Mutter, heute umgeben Dich noch sechs Kinder mit fünf Schwiegerkindern, Du bist 18-fache Großmutter und kannst auf eine Schar von 30 Urenkeln blicken. Gemeinsam mit Dir bildet Deine durch Dich begründete Sippe fast Zweidrittel der Gesamtfamilie derer v. Minckwitz. Ich möchte Dir sagen: Du kannst mit großem Stolz auf Dein Lebenswerk und Deine Leistungen zurückblicken. Wir als Deine Kinder mit eigenem Anhang verehren eine geliebte Mutter, eine bemerkenswerte, großartige Frau, Schwiegermutter, Groß- und Urgroßmutter.

Dem Schöpfer sei Dank für diese Deine Begleitung durch unser Leben bis zum heutigen Tage, und er möge Dir weiterhin ein Leben bei zufriedenstellender Gesundheit mit viel Freude und Sonnenschein schenken.

Im Namen des Familienverbandes v. Minckwitz
Dein getreuer Sohn

Lichtenbusch, den 19. Januar 2006